28. Oktober bis 25. November

Vernissage: Freitag, 27. Oktober, 19.00 Uhr

Kunstraumgespräch: Donnerstag, 9. November
mit Patricia Nussbaum

Hendrikje Kühne/
Beat Klein
Die traditionelle Fotokamera ist das mechanische Gegenüber der mathematischen Perspektive. Aber genaugenommen ist sie auf einem Auge blind, wenn wir sie mit dem optischen Apparat des Menschen vergleichen. Diese blinde Stelle zu bezeichnen, das ist die Absicht der Arbeit Im Wald von Hendrikje Kühne und Beat Klein. Während ausgedehnter Waldspaziergänge wird ein bestimmter Ort durch die Linse der Kamera ermittelt. Das Vorgehen beim Fotografieren einen optimalen Bildausschnitt aus dem Kontinuum der Landschaft zu wählen wird übernommen. Genaugenommen ist diese Art der Fotografie die Fortsetzung der Vorstellung des Bildes als Fenster zur Welt. Zugleich wird von Kühne und Klein Rücken an Rücken stehend aber auch der Blick in die entgegengesetzte Richtung festgehalten; und zwar als Beleg dessen, was uns die Fotografie als Dokument verschweigt. Für das was wegfällt, ausgelassen und nicht ausgewählt wird.

In einem zweiten Schritt werden die beiden Fotografien, die ganz konkret auch den Standpunkt und das damit verbundene Gesichtsfeld der beiden Künstler widerspiegeln, auf Folie kopiert und auf zwei übereinander liegende Glasscheiben montiert. Dadurch entsteht ein neuer Eindruck der Fotos: es gibt keine absolute Dunkelheit oder Helligkeit; Motive wie Baumstämme oder Gestrüpp werden zum Vorder- und Hintergrund zugleich. Dadurch bildet sich der Wald als Ort ziellosen Umherschweifens ab. Die Orientierung, einmal in die Irre geführt, weicht Stimmungen und Gerüchen. Das Foto ist der Raum dazwischen; was sich zeigt und zugleich verbirgt. Es ist Auswahl und Zufall.

Auf dem Berg ist eine Videoarbeit, welche die Spannung zwischen bewegtem Text und starrem Bild potenziert. Wider alle Erwartungen bleibt das Bild auf dem Bildschirm statisch. Und es erweist sich erst noch als Abbild einer stereotypen Postkarte. An diesem «Verdacht» wird sich auch im Verlauf der Videoarbeit nichts ändern. Wir sehen ein beliebtes Ausflugsrestaurant wie wir es vom Feldberg, dem Weissenstein oder dem Grand Ballon kennen. Es sind Ausflugsziele in der näheren Umgebung Basels, Zeichen unserer am Radius des Autos orientierten Freizeitkultur. Sie stehen für Ausflug, Sonntagsspaziergang und Erholungswünsche mit dazugehörigen Landschaftsstereotypen. Das in mehrerer Hinsicht starre Bild ist allerdings mit einem gegenläufigen Text unterlegt. Dieser Text ist das Protokoll eines nicht näher definierten Ich-Autors. Er zeichnet auf, was sich während eines genau definierten Zeitraums am realen Ort des Postkartenbildes ereignet. Der Text versteht sich als Augenzeugenbericht. Wie in einem Gerichtsgutachten vermerkt er gewissenhaft, wer sich um 11.30 am Nebentisch niederlässt, dass ein dicker Herr das Portemonnaie zückt, was drei Tische weiter bestellt wird und wieviel die Bratwurst mit Rösti um 12.45 Uhr kostet.


Aus den Bewegungsabläufen der Restaurantbesucher, des Zeitflusses und der Ausgabenbilanz der Ausflügler ergibt sich ein immer dichteres Bild. Die Zuschauenden werden verleitet, die Augen zu schliessen, um näher an das beschriebene Bild, den Ort des eigentlichen Geschehens, vorzudringen.

Während ihres Aufenthalts in Dublin 1998 im Rahmen des Artists Work Programm am Irish Museum of Modern Art haben sich Hendrikje Kühne und Beat Klein mittels Assemblage mit dem Begriff des Eigentums auseinandergesetzt. Für das Dubliner Projekt «Property» war der mit dem Wachstum der Irischen Wirtschaft verknüpfte Kostenboom der Wohnhäuser in Irland Thema. Ebenso die Umwälzungen architektonischer, sozialer und gesellschaftlicher Natur, die das veränderte Wohnverhalten mit sich bringt. Fotos von Häusern, die in der Irish Times zum Verkauf angeboten waren, wurden ausgeschnitten, auf Karton geklebt und zu einem Stadtgebilde zusammengefügt.

Eine Weiterentwicklung dieses Themas war das Projekt zum Mobilitätswahn und dem Eigentum «Auto». Für die Assemblage In der Stadt baten die beiden Künstler über 100 Personen verschiedenster sozialer Schichten, ihre Vorstellungen eines Hauses zeichnerisch auf Karton zu skizzieren.

Bis zum Beginn der Ausstellung im Kunstraum Aarau werden diese Fassadenmodelle zu einem Netz zusammengefügt und auf einem grossen Ateliertisch aufgestellt. Die Architektursituation von Vorstellung, Planung, und Baumodell wird aufgegriffen. Konzepte von Stadtplanung und Wunschbildern sind zusammengebracht. Die Arbeit ist ein Lexikon, ein Kompendium von Vorstellungen, Erfahrungen und Kenntnissen, welche den beiden Künstlern zur Verfügung gestellt werden. Zwei Blickpunkte ergeben sich: von hinten wird das Gebilde zum Stadtnetz mit einheitlicher Silhouette; von vorn zeigen sich individuelle Vorstellungen von einer Stadt.

Text: Sabine Gebhardt